Warum der Reifendruck entscheidet
Kurz vor den Sommerferien rollte bei Matthias Köhler in Hannover ein Kombi auf den Hof, Dachbox montiert, Kofferraum bis unters Rollo voll. Der Fahrer wollte nur „kurz die Luft checken“. Alle vier Reifen hatten 0,5 bar zu wenig, und er war so schon seit Monaten unterwegs. Das ist der Normalfall: Der Druck in jedem Reifen sinkt schleichend, das Auto fühlt sich kaum anders an, und erst bei einer Notbremsung oder auf der Autobahn wird es ernst.
Pro Reifen steht Ihr Auto auf einer Fläche, die ungefähr so groß ist wie eine Postkarte. Wie diese Fläche aussieht, bestimmt der Druck. Ist er zu niedrig, walkt der Reifen stärker, wird wärmer und rollt schwerer: Nach ADAC-Angaben kostet ein Unterdruck von rund 0,4 bar bis zu 0,3 Liter pro 100 Kilometer. Dazu kommt Verschleiß an den Schultern, der die Profiltiefe früher an die Grenze bringt, und ein längerer Bremsweg. Zu viel Druck verkleinert die Aufstandsfläche und kostet ebenfalls Haftung.
„Den Reifendruck prüfen Sie in einer halben Minute, und trotzdem schiebt ihn fast jeder auf, bis die Warnleuchte angeht.“
Reifendruck-Tabelle nach Fahrzeugklasse
Typische Werte liegen bei Kleinwagen zwischen 2,0 und 2,3 bar und bei SUV zwischen 2,3 und 2,8 bar. Verbindlich ist aber nur die Herstellerangabe für Ihr Modell, Ihre Reifengröße und Ihre Beladung. Die Tabelle gibt Orientierung, damit Sie einen Wert einordnen können, den Sie am Auto ablesen.
| Fahrzeugklasse | Richtwert unbeladen (bar) | Beladen |
|---|---|---|
| Kleinwagen (Polo-Klasse) | 2,0 bis 2,3 | +0,2 bis +0,4 bar |
| Kompaktklasse (Golf-Klasse) | 2,1 bis 2,5 | +0,2 bis +0,4 bar |
| Mittelklasse und Kombi | 2,2 bis 2,6 | +0,2 bis +0,4 bar |
| SUV und Van | 2,3 bis 2,8 | +0,2 bis +0,4 bar |
| Elektroauto | 2,5 bis 3,0 | +0,2 bis +0,4 bar |
| Transporter und Kastenwagen | 2,8 bis 3,5 | laut Lasttabelle des Herstellers |
Auch die Beladung verändert den Sollwert. Der Aufkleber nennt meist zwei Spalten, Teillast und Volllast. Vier Personen mit Urlaubsgepäck, eine volle Dachbox oder ein Anhänger mit hoher Stützlast verlangen den Volllastwert. Nennt der Aufkleber keinen eigenen Wert, rechnen Sie bei vollem Auto 0,2 bis 0,4 bar auf den Normalwert. Danach gehen Sie wieder zurück, damit der Reifen im Alltag nicht in der Mitte verschleißt.
Wo der richtige Wert steht
Der Sollwert steht nicht auf dem Reifen, sondern am Fahrzeug, und das ist ein häufiges Missverständnis. Der Hersteller trägt ihn meist auf einem Aufkleber ein, der je nach Modell an verschiedenen Stellen klebt. Die Werte hängen von der Reifengröße ab, deshalb listet der Aufkleber oft mehrere Größen mit jeweils einem Wert für Teil- und Volllast. Die üblichen Fundstellen:
- Innenseite der Tankklappe
- Türrahmen oder B-Säule auf der Fahrerseite
- Handschuhfach
- Betriebsanleitung, Kapitel Räder und Reifen
- bei manchen Modellen das Infotainmentsystem
Die Zahl auf der Reifenflanke, meist „Max. Press.“ mit 3,0 bis 3,5 bar, ist dagegen der Höchstdruck des Reifens und kein Sollwert. Manche Aufkleber geben den Druck in kPa oder psi an: 220 kPa entsprechen 2,2 bar und rund 32 psi.
Reifendruck richtig prüfen
Gemessen wird am kalten Reifen. Kalt heißt: Das Auto stand mehrere Stunden oder ist nur wenige Kilometer gerollt. Nach längerer Fahrt steigt der Druck um etwa 0,2 bis 0,3 bar, und wer jetzt Luft ablässt, fährt am nächsten Morgen mit zu wenig. Prüfen Sie den Reifendruck alle 14 Tage und vor jeder längeren Fahrt, dazu am besten vor dem Urlaub bei voller Beladung.
- Messgerät: Das Manometer an der Tankstelle ist nicht immer genau, ein eigenes digitales Handmessgerät kostet meist zwischen 10 und 25 Euro
- Ventilkappe: Aufgeschraubt halten, sie schützt das Ventil vor Schmutz und dichtet zusätzlich ab
- Alle fünf Räder: Reserverad nicht vergessen, es verliert ebenso Druck
- Ablassen: Zu viel Luft entweicht, wenn Sie den Ventilstift kurz eindrücken
So gehen Sie vor: Ventilkappe abschrauben, Messgerät gerade und fest aufsetzen, bis das Zischen aufhört, dann den Wert ablesen. Liegt er darunter, füllen Sie in kleinen Schritten nach und messen zwischendurch. Am Kompressor der Tankstelle stellen Sie den Zielwert ein und prüfen zur Sicherheit mit dem eigenen Messgerät nach. Notieren Sie die Werte, dann erkennen Sie einen schleichenden Verlust am einzelnen Rad.
Zu wenig oder zu viel Druck: Das sind die Folgen
Beide Abweichungen sind schlecht, aber auf unterschiedliche Weise. Zu wenig Druck ist gefährlicher, weil der Reifen sich überhitzt und im Extremfall bei hohem Tempo Schaden nimmt. Zu viel Druck fühlt sich zunächst sportlich an, kostet aber auf nasser Straße Grip und strapaziert Fahrwerk und Insassen. Die Tabelle stellt die Folgen gegenüber:
| Merkmal | Zu wenig Druck | Zu viel Druck |
|---|---|---|
| Verschleißbild | Beide Schultern außen abgefahren | Laufflächenmitte abgefahren |
| Fahrverhalten | Schwammig, träge Lenkung, Aufschaukeln in Kurven | Unruhig, springt auf Bodenwellen |
| Bremsweg | Länger, Reifen verformt sich unter Last | Länger, kleinere Aufstandsfläche |
| Verbrauch | Steigt durch höheren Rollwiderstand | Sinkt minimal, dafür weniger Grip |
| Komfort | Gut, trügerisch | Hart, mehr Stöße ins Fahrwerk |
| Risiko | Überhitzung, Reifenschaden bei hohem Tempo | Höhere Anfälligkeit für Schlagschäden |
Das Gemeine ist, dass beide Fehler dem Fahrer lange verborgen bleiben. Ein Reifen mit 0,5 bar zu wenig fährt sich auf trockener Straße unauffällig. Sichtbar wird es am Verschleißbild, und da ist die Substanz oft schon dahin.
Reifendruck im Winter und bei Hitze
Die Temperatur verändert den Druck: Pro 10 °C Unterschied ändert sich der Reifendruck um etwa 0,1 bar. Wer in einer 20 °C warmen Garage auf 2,3 bar füllt und am Morgen bei minus 5 °C losfährt, hat rund 0,25 bar weniger im Reifen. Deshalb gilt im Herbst und bei jedem Kälteeinbruch: nachmessen und auf den Sollwert bringen. Der Sollwert selbst ändert sich im Winter nicht, die Herstellerangabe gilt ganzjährig.
Bei Hitze ist es umgekehrt: Auf heißem Asphalt und nach langer Fahrt steigt der Druck, und der Reifen ist ohnehin am Limit. Gerade auf der Urlaubsfahrt mit Sommerreifen zählt deshalb der korrekte Druck für die Beladung, denn jede Dachbox und jeder volle Kofferraum erhöht den Bedarf. Lassen Sie bei warmen Reifen nichts ab, auch wenn das Manometer mehr anzeigt als der Sollwert. Für die Urlaubsfahrt gilt ein einfacher Ablauf: Am Vorabend kalt in der Garage messen, den Volllastwert einstellen und unterwegs bei der ersten längeren Pause noch einmal kontrollieren.
RDKS: Das Reifendruck-Kontrollsystem
Seit dem 1. November 2014 ist das RDKS für alle neu zugelassenen Pkw Pflicht. Es meldet über eine gelbe Kontrollleuchte, wenn der Druck deutlich unter den Sollwert fällt. Zwei Bauarten sind im Einsatz, und sie unterscheiden sich im Alltag deutlich:
- Direktes RDKS
- Ein Sensor in jedem Rad misst Druck und Temperatur und meldet sie pro Rad. Die Sensoren haben eine Batterie, die irgendwann leer ist, und müssen nach einem Reifenwechsel angelernt werden.
- Indirektes RDKS
- Es nutzt die ABS-Sensoren und erkennt aus Drehzahlunterschieden, dass ein Rad kleiner rollt. Es braucht keine Zusatzhardware, reagiert aber langsamer und erkennt einen gleichmäßigen Verlust an allen vier Rädern nur eingeschränkt. Nach jeder Druckeinstellung ist ein Reset nötig.
Wer Sommer- und Winterräder fährt, braucht bei direkten Systemen meist zwei Sensorsätze. Nach dem Radwechsel erkennt das Fahrzeug die Sensoren oft nach einer kurzen Fahrt von selbst, manchmal müssen sie in der Werkstatt angelernt werden.
Verlassen Sie sich nicht allein auf die Leuchte. Sie warnt, wenn bereits ein spürbarer Teil der Luft fehlt, und ersetzt keine regelmäßige Kontrolle. Leuchtet sie auf, halten Sie an, messen alle vier Reifen und bringen sie auf den Sollwert. Kehrt die Warnung zurück, hat ein Reifen einen schleichenden Verlust. Blinkt sie zunächst und leuchtet dann dauerhaft, liegt meist eine Störung des Systems vor.
Stickstoff und Reserverad
Normale Luft besteht zu rund 78 Prozent aus Stickstoff, die Füllung mit reinem Stickstoff ändert also weniger, als Werbung vermuten lässt. Stickstoff diffundiert etwas langsamer durch den Gummi und enthält keine Feuchtigkeit, im Alltag spüren Sie davon kaum etwas. Sie müssen die Kontrolle genauso machen und können Stickstoff jederzeit mit normaler Luft mischen. Ein Aufpreis lohnt sich für den normalen Pkw selten.
Das Reserverad altert und verliert Luft, auch wenn es nie gebraucht wird. Prüfen Sie es alle paar Monate. Ein Notrad braucht meist deutlich mehr Druck als die normalen Reifen, den Wert nennen Betriebsanleitung oder Aufkleber am Rad. Ersetzt ein Reifenreparaturset das Reserverad, beachten Sie, dass Dichtmasse direkte RDKS-Sensoren beschädigen kann.
Häufige Fragen zum Reifendruck
Wie viel Reifendruck braucht mein Auto?
Das steht auf dem Aufkleber an Ihrem Auto, meist in der Tankklappe oder im Türrahmen, und in der Betriebsanleitung. Bei Kleinwagen liegen die Werte oft zwischen 2,0 und 2,3 bar, bei SUV zwischen 2,3 und 2,8 bar. Für beladene Fahrt gilt ein Zuschlag von meist 0,2 bis 0,4 bar. Die Herstellerangabe geht immer vor.
Wie oft sollte ich den Reifendruck prüfen?
Alle 14 Tage und vor jeder längeren Fahrt, am besten am kalten Reifen. Auch ein intakter Reifen verliert etwa 0,1 bar im Monat, bei einem Temperatursturz kann es mehr sein. Vergessen Sie das Reserverad nicht, und messen Sie nach dem Wechsel zwischen Sommer- und Winterreifen alle Räder neu.
Muss ich den Reifendruck im Winter erhöhen?
Nein, die Herstellerangabe gilt ganzjährig, einen Winterzuschlag gibt es nicht. Weil der Druck aber um etwa 0,1 bar je 10 °C Temperaturabfall sinkt, müssen Sie im Winter öfter nachfüllen. Messen Sie nach einem Kälteeinbruch nach und füllen Sie auf den Sollwert, nicht darüber, und zwar immer am kalten Reifen.
Was bedeutet die Angabe „Max. Press.“ auf dem Reifen?
Das ist der höchste Druck, den der Reifen aushält, und kein Sollwert. Er liegt meist bei 3,0 bis 3,5 bar und sagt nichts über den passenden Druck für Ihr Auto aus. Maßgeblich ist der Aufkleber des Fahrzeugherstellers, der auf Gewicht, Achslast und Reifengröße abgestimmt ist.
Was tun, wenn die RDKS-Warnleuchte aufleuchtet?
Fahren Sie langsamer und halten Sie bei nächster Gelegenheit an. Messen Sie alle vier Reifen und bringen Sie sie auf den Sollwert, bei indirekten Systemen setzen Sie danach das RDKS zurück. Kehrt die Warnung zurück, hat ein Reifen einen schleichenden Verlust und gehört in die Werkstatt.
